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Hashi-Was? - oder 7 Monate später...

Dieser Beitrag ist ein sehr persönlicher und dementsprechend mir sehr wichtiger... Wichtig ist mir das Thema darum, weil es mir ein Anliegen ist Aufklärungsarbeit zu leisten und vor allem als selbst betroffene Frau und Psychotherapeutin Informationen weiterzugeben. Ich sehe es als meine besonders wichtige Aufgabe in meinem Beruf körperliche und psychische Erkrankungen von einander zu unterscheiden und dementsprechend auch richtig zu behandeln genauso wie ich mir das von Ärzten wünsche.

Ich gehe ein paar Monate zurück an den Beginn der ganzen "Geschichte". Juni 2018, schweißgebadete Nächte, häufiges Aufwachen, Herzrasen, Blutdruckschwankungen, Getriebensein, Nervosität und Unruhe und diffuse Angstsymptome. Als seit Jahren achtsamkeitspraktizierende Frau und Psychotherapeutin will ich natürlich den Symptomen nachgehen und lande beim Allgemeinmediziner, der mir einfach ein Blutdruckmittel in die Hand drückt. Das soll ich nehmen. Ein großes Blutbild zeigt wenig Aufschlussreiches. Der auferlegte Krankenstand bringt nicht das erwünschte Ergebnis und der Schlaf bleibt eine Qual, nicht erholsam, mit wahnsinnigen Hitzen und Schweißausbrüchen... Antidepressiva sollen helfen... und diese halfen auch nicht. Der Gang von Arzt zu Arzt, von Untersuchung zu Untersuchung. Diagnosen von "Burn-out" über "Depression" und Fragen wie "haben Sie auch manische Phasen?" hin zu Panikattacken und Angststörungen oder beides in Kombination oder alles miteinander gaben sich die Klinke in die Hand.

Auf meine eigene Idee hin wurde dann einmal ein Hormonstatus gemacht, der dann darauf hindeutete, dass da einiges nicht passt. Allerdings hat der behandelnde Arzt (noch) nicht durchschaut, worum es dabei tatsächlich ging und hat mich dann auch noch falsch behandelt und das hormonelle Ungleichgewicht auch noch forciert. Wochen später dann ein Hinweis einer Tante von mir doch einmal die Schilddrüse und zwar alle Werte bestimmen zu lassen. Die Schilddrüsenwerte waren bei mir immer eher hoch, aber im "Normbereich". Diesmal waren sie allerdings unwahrscheinlich niedrig und irgendwelche Antikörperwerte haben hoch ausgeschlagen. Auch das erschien noch niemandem als der Rede wert zu agieren oder das in irgendeiner Form zu behandeln. Warum eigentlich nicht? "Sie haben eine gute Diagnose, andere in der Familie haben nichts mit der Schilddrüse. Das wird sich schon wieder beruhigen..." Wochen später ist es noch nicht besser. "Sie müssen warten. Da kann man daweil nichts machen." Wie lange soll man eigentlich warten, wenn es einem nicht gut geht? Und wenn man nicht schlafen kann? Wenn man abwechselnd nervös-getrieben, von diffusen Ängsten geplagt wird, nicht schlafen kann, Würgegefühle hat und allerhand andere Symptome hat, die alles andere als angenehm sind?

Mittlerweile 7 Monate später, einige Ärzte danach, bin ich bei einem Spezialisten, einem Endokrinologen gelandet, der mich zum ersten Mal mit niedrig dosiertem Schilddrüsenhormon einzustellen versucht. Haben Sie gewusst, dass es Usus ist vor Zuweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus oder einer Reha die TSH-Werte (Schilddrüsenwerte) zu überprüfen, um einen organischen Hintergrund von Depression, "Burnout", Angsterkrankung oder Panikstörung zu überprüfen? Ich wusste es, weil ich in diesem Kontext selber tätig war. Was mir allerdings sehr eindrücklich wurde ist, wie Ärzte mit PatientInnen umgehen, deren Symptome sie nicht verstehen und nicht einordnen können: "Das ist psychisch. Machen Sie Urlaub. Sie brauchen Ruhe. Regen Sie sich nicht so auf!" 

Auch gut gemeinte Tipps von Freunden und Freundinnen - manche wurden hier auch aussortiert... - und Unverständnis als auch die Tendenz sich lustig zu machen waren Wegbegleiter in den letzten 7 Monaten. Am schlimmsten war für mich allerdings die Tatsache zu spüren, dass etwas nicht stimmt und in dem nicht ernst genommen zu werden, allen voran von den Ärzten. In dem Moment in dem ein Arzt einem das Etikett "psychosomatisch" umgehängt hat wird man belächelt und von oben herab betrachtet. 

Mein Appell und mein Wunsch ist es mit diesem Beitrag wachzurütteln: TSH-Werte steigen oder sinken übrigens oft erst nachdem schon konkrete körperliche und psychische Symptome vorhanden sind. Nehmen Sie sich selber ernst und wichtig! Lassen Sie sich nicht einreden, dass sie irgendeine Form von psychischer Erkrankung haben, solange nicht sämtliche körperliche Parameter abgecheckt sind. Nehmen Sie sich wichtig und nehmen Sie nicht jede "psychosomatische" Diagnose an, nur weil Ärzte nicht über den Tellerrand schauen oder sich zu wenig auskennen. Tauschen Sie sich mit anderen Menschen aus - das war meine Erkenntnis, wie viele andere Betroffene es gibt! - und erkennen Sie, dass sie nicht alleine sind. Es ist immer jemand da, den es interessiert, wie es Ihnen geht und dem Sie wichtig sind … allerdings sind es vermutlich nicht primär die Ärzte! 

 

Woher weiß ich, was mir gut tut?

Gerade in den letzten Wochen habe ich mich vermehrt mit der Frage beschäftigt, was mir gut tut. Zum einen aus der persönlichen Notwendigkeit heraus, zum anderen weil diese Frage auch in meiner Praxis immer wieder vorkommt. Woher weiß ich denn, was mir gut tut? 

Grundsätzlich ist es ein recht einfacher und lapidar dahin gesagter Input einfach zu tun, was gut tut. Problematisch wird es jedoch, wenn nicht gewusst wird was das denn nun sei. Viel zu oft sind wir dermaßen sozialisiert, dass es darum geht Wünsche zu erfüllen, sich anzupassen und außenorientiert zu agieren. Viele Menschen verlieren den Kontakt zur eigenen Befindlichkeit und zum eigenen Spüren, was sich gut anfühlt. Und genau hier ist der Ansatzpunkt um den es geht: über die Fühl- und Spürebene zu sich selber zu finden!

Gerade in psychotherapeutischen Herangehensweisen kommt das körperliche Wahrnehmen oftmals zu kurz. Es wird reflektiert: nach vorne, nach hinten, in alle Richtungen um sich womöglich dann doch wieder mit den Gedanken im Kreise zu drehen. So geht es nicht weiter, so stehen wir üblicherweise sogar an. Meine persönliche Erfahrung - beruflich als auch privat - ist es jedoch mit dem eigenen Kontakt aufzunehmen und hinzuspüren, was sich denn nun gut anfühlt und mehr ins Wahrnehmen zu kommen. 

Wie macht man das denn nun aber? Grundsätzlich haben wir alle diese Fähigkeit mitbekommen, oftmals aber im Laufe der Zeit abgelegt. Das impliziert aber gleichzeitig, dass wir wieder zurückfinden können zu diesem Spüren. Ein ganz einfacher und leicht umzusetzender Ansatz ist es, immer wieder im Laufe des Tages wahrzunehmen: wie geht es mir gerade? Bin ich müde, bin ich zufrieden, oder bin ich vielleicht einfach genervt? Bin ich körperlich angespannt? Wie verläuft mein Atem? Kann ich spüren, wie ich auf meinem Sessel sitze oder beim Gehen den Kontakt mit dem Boden wahrnehmen?

Es sind also die ganz alltäglichen Tätigkeiten, die uns mit uns selber in Kontakt bringen. Heute hat das oft das Etikett der "Achtsamkeit" umgehängt, was aber letztlich nur bedeutet dass unsere Aufmerksamkeit im Jetzt auf das momentane Tun gerichtet sein soll bzw. es hilfreiche wäre dermaßen vorzugehen. Die Begrifflichkeit der Achtsamkeit(spraxis) wird zugegebenermaßen in den letzten Jahren sehr gehypt und oft aus dem Kontext des tatsächlichen Verständnisses herausgespalten. Dennoch ist der Ansatz ein sehr hilfreicher, da wir darüber wieder vermehrt mit uns in Kontakt treten können und das Spüren des eigenen praktizieren und üben können.

Dementsprechend ist das Ziel wohl zu formulieren als "es ist gut zu wissen, womit ich gerade beschäftigt bin". Sei dies im faktischen Tun oder auf der gedanklichen Ebene. Weil gerade auf der Ebene sind wir oftmals fernab unseres tatsächlichen Aufenthaltsortes.

 

Über Beziehungen und (wichtige) Kontakte

 

Mit wem oder womit verbringen wir eigentlich unsere Zeit? Grundsätzlich ist es wohl so, dass der Durchschnittsbürger einer Arbeit nachkommt und somit den Großteil seiner Lebenszeit - zumindest ab einem gewissen Alter - mit Kollegen, Chefs und Kontakten aus der Arbeit verbringt. Je mehr Bedeutung und Gewicht dem Arbeitsfeld zugesprochen wird, umso mehr Fokus bekommt auch dieser Bereich. Forderungen des Arbeitgebers, grundsätzliche gesellschaftspolitische Probleme wie das "gefühlte mögliche Verlieren" des Arbeitsplatzes als auch der persönliche Anspruch an sich selber führen dazu, dass immer mehr Energie in das Arbeitsfeld gesteckt wird und persönliche Beziehungen hintenan gestellt werden.

 

Soll das tatsächlich so sein? In der Erforschung von Burn-out-Erkrankungen und Erschöpfungsdepression gibt es vielerorts die Theorie, dass das Hauptproblem weniger in dem Zuviel von Arbeit sondern eher in dem Zuwenig von Beziehung zu suchen und zu finden ist. Tatsächlich ist eine Überbetonung des Arbeitslebens ein wesentlicher Faktor, der dazu führt sich aus persönlichen Beziehungen zurückzuziehen, weniger Zeit und Energie zur Verfügung zu haben, um mit den Menschen zusammen zu kommen, die einem doch viel mehr am Herzen liegen (sollten) als die beruflichen Kontakte.

 

Vielerorts ist es gang und gäbe die Betonung auf die Arbeit als Hinweis für die persönliche Bedeutung zu reüssieren. Selbstwert wird vor allem von Männern über ihre berufliche Situation, ihren Status und Vermögen konstatiert. In den letzten Jahren jedoch - auch über die zunehmende Emanzipation der Frau - wird jedoch auch vom weiblichen Geschlecht mehr und mehr Bedeutung in den Bereich des Berufs und der beruflichen Selbstverwirklichung gelegt. 

 

Der Weg ist jedoch einsam. Berufliche Kontakte gehen oft nicht in die Tiefe. Sie bleiben oberflächlich und berühren nur die Ebene von Kosten-Nutzen-Rechnungen: Gibst du mir so geb ich dir. Absprachen und Handel - ausgesprochen oder unausgesprochen - sind oftmals Grundlage dieser Kontakte und somit bleibt die Begegnung ohne Tiefe. 

 

Diese Form von Kontakt und Begegnung hat einen wesentlichen Mangel: Ich sehe den anderen in seinem Wesen nicht. Der Mensch möchte wahrgenommen und gesehen werden, um sich in der Begegnung mit anderen selber begegnen zu können. Dies ist ein wesentliches Kernstück der existenzanalytischen psychotherapeutischen Arbeit und Philosophie. 

 

Aus diesem Grund ist es mir ein wesentliches Anliegen zum einen in meinen privaten und beruflichen Kontakten immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir Menschen dialogisch funktionieren. Oder um es mit Martin Buber zu sagen: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung."